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Lohnungleichheit hat zwei Gesichter

Heute ist Equal Pay Day. Frauen bekommen für die gleiche Arbeit weniger Lohn. Das ist diskriminierend und muss geändert werden. Damit ist es aber nicht getan, denn Frauen bekommen ein Leben lang viel weniger Lohn - weil sie den Grossteil der unbezahlten Care-Arbeit übernehmen. Über dieses zweite Gesicht der Lohnungleichheit, auch Mutterstrafe genannt, müssen wir endlich Klartext sprechen. Denn um die Situation für Frauen und Familien zu verbessern, braucht es ein Umdenken in der Schweizer Familienpolitik. Hier sind meine 3 Vorschläge:

Die diskriminierende Lohnungleichheit

Am 22. Februar 2019 ist dieses Jahr der sogenannte Equal Pay Day. Bis zu diesem Tag haben Frauen statistisch gesehen gratis gearbeitet. 657 Franken macht der Lohnunterschied im Schnitt monatlich aus. 657 Franken, die Frauen für die genau gleiche Arbeit bei gleicher Qualifikation weniger erhalten. Das ist unglaublich. Und ziemlich ungerecht. Und geht natürlich gar nicht. 

Im Dezember 2018 haben die eidgenössichen Räte nach jahrelangen Debatten schliesslich eingelenkt und das Gleichstellungsgesetz revidiert. Neu sind alle Unternehmen mit 100 oder mehr Mitarbeitenden dazu verpflichtet, während 12 Jahren alle 4 Jahre eine Lohngleichheitsanalyse durchzuführen. Ursprünglich waren viel strengere Kontrollen geplant. Aber so funktioniert die Schweizer Politik: In kleinen Schrittchen vorwärts. Immerhin geht es ein bisschen vorwärts. Ob es reicht, um die diskriminierende Lohnungleichheit wirksam zu bekämpfen, wird sich in den nächsten Jahren zeigen. 

Die Mutterstrafe

Nichts ausrichten können die Lohngleichheitsanalyse gegen das zweite Gesicht der Lohnungleichheit, dass auch “Mutterstrafe” genannt wird. Hier sprechen wir von ganz anderen Beträgen. Wie Lucas Tschan in der aktuellen Ausgabe des p.s. in einem sehr lesenswerte Artikel aufzeigt, verdienen Frauen selbst zehn Jahre nach der Geburt des ersten Kindes im Median nur knapp 40 000 Franken pro Jahr, während die Männer bei inzwischen über 100 000 Franken Netto-Jahreslohn angelangt sind!

Einerseits reduzieren Frauen in der Schweiz ihre Arbeitszeit ab Geburt des ersten Kindes sehr stark. Gleichzeitig nimmt der Anteil an Hausarbeit signifikant zu. Von dieser Arbeit wird oft gar nicht gesprochen, wenn über Kinder und Familienarbeit nachgedacht wird. Es geht nähmlich nicht nur ums Spielen, Geschichten erzählen und Kinder trösten. Es geht auch ums Kochen, Putzen, Waschen, Kleider aufhängen, Einkaufen und Aufräumen. Tätigkeiten, die sprunghaft zunehmen, je mehr Kinder und Erwachsene in einem Haushalt leben. Es sind Tätigkeiten, die wichtig sind fürs Wohlergehen und Überleben der Familie. Sie werden bis heute mehrheitlich von Frauen erledigt und wenig wertgeschätzt. Hausarbeit ist immer noch Frauenarbeit.  

Haben die Frauen das selbst gewählt?

Beklemmend ist: Auch wenn die Frauen weiterhin Vollzeit arbeiten, zeigt sich eine grosse Lohndifferenz. Lucas Tschan vermutet in seinem Artikel, dass dies einerseits darauf zurückgehen könnte, dass Frauen ihre Karriere zugunsten der Familie zurückstecken. Und dass ihnen andererseits weniger Chancen auf Karriere gewährt werden, weil sie Kinder haben. Was war zuerst, das Huhn oder das Ei? Oder anders gefragt: Haben die Frauen das immer selbst so gewählt? Zumindest die Statistik zur Unterbeschäftigung von Frauen lässt daran Zweifel aufkommen.

Mehr Zeit für Care- und Haus-Arbeit

An diesem Punkt der Diskussion kommen oft Vorschläge, was unternommen werden könnte, damit Frauen mehr so arbeiten wie Männer. Ich glaube aber, dass uns das nicht weiterbringt. Denn damit würden wir die unbezahlte Care-Arbeit einfach unter den Tisch kehren. Erfahrungsgesmäss muss sie dort aber von irgendjemandem wieder aufgewischt werden. Denn diese unbezahlte Arbeit verschwindet nicht. Sie ist, wie bereits gesagt, überlebenswichtig.

Drei Vorschläge für eine bessere Zukunft

Wir müssen diese Arbeit besser verteilen. Dafür brauchen Familien einerseits mehr Zeit. Gerade Familien mit sehr kleinen Kindern sind extrem gefordert. Es gibt kein Feierabend und keine Ferien. Es muss möglich sein, die jungen Eltern von der Erwerbsarbeit zu entlasten, ohne dass sie Lohneinbussen haben. Eine Möglichkeit dafür sind 38 Wochen Elternzeit, welche Mütter und Väter gleichermassen beziehen und den Familien mehr Zeit für Care- und Hausarbeit geben, die gleichberechtigt aufgeteilt wird. 

Andererseits können wir gerade die Betreuungsarbeit auch gemeinschaftlich organisieren. Flächendeckende Kinderbetreuung, Kitas sowie Tagesschulen, die gratis sind für alle und solidarisch über die Steuern finanziert werden, wären ein überfälliger Schritt in der Schweizer Familienpolitik. Sie würden den Eltern den Berufsalltag erleichtern. Und in dieser Zeit reduziert sich auch die Hausarbeit, z.B. gibt es kein Einkaufen, Kochen und Abwaschen fürs Mittagessen. Gleichzeitig kann die Kinderbetreuung aber auch mehr Chancengerechtigkeit für Kinder bringen, sofern die Qualität und damit die Arbeitsbedingungen und Löhne gut sind.

Drittens bin ich der Meinung, dass wir die Wochenarbeitszeit von heute 42 Stunden reduzieren sollten. So hätten Eltern mehr Zeit für Familien- und Hausarbeit. Und es wäre auch eine Erleichterung für Angehörige, die ihre Familienmitglieder und Nachbarinnen pflegen. Das sind übrigens auch wieder vor allem Frauen, die unbezahlte Pflege- und Hausarbeit verrichten, dafür ihr Arbeitspensum reduzieren und damit ihren Lohn verringern. Auch hier müssen wir noch vieles unternehmen, um die Situation für pflegende Angehörige und pflegebedürftige Menschen zu verbessern. Dazu mehr ein anderes Mal.

Sicher ist: Das alles passiert nicht von selbst. Es braucht viel mehr Druck auf die Politik, damit wir vorwärts kommen. Darum werde ich am 14. Juni 2019 am Frauenstreik teilnehmen - und ich hoffe, du kommst auch. 

Symbolbild für Hausarbeit. Ich würde sagen, in den letzten 8 Jahren war Wäsche waschen, aufhängen und versorgen eine tägliche Never-Ending-Story. Ziemlich zeitintensiv, aber auch ziemlich unsichtbar. 

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